Nüchtern an Titelstelle sind Dorothea Heinrichs schwarz-weiße Reisefotos durch eine Nummer, das Datum und den Ort der Entstehung bezeichnet. Sich jedem journalistischen Informationsbedürfnis verweigernd, wird dem Betrachter keine andere Auskunft gegeben, als dass der Augenblick der Künstlerin archiviert wurde. Sie verzichtet auf den objektivierenden Einsatz von fototechnischen Mitteln und vertraut vorgefundenen Lichtverhältnissen ebenso wie der Kraft ihrer Sujets. Mag der Betrachter in tagträumerischen Landschaften seine eigene Sehnsucht nach Harmonie verbildlicht finden, so wirken Interieurs und Architekturen wie unbehauste Kulissen. In karger Hotelzimmerumgebung setzt Heinrich in ihren Selbstbildnissen dem Gefühl des Dazwischenseins in der Fremde ein fragloses, selbstbewusstes „Ich bin da“ entgegen. Kalkuliert offen, ohne sich zu offenbaren, zeigt Heinrich, dass Reisen mehr bedeutet, als den Ort zu wechseln.
[ Birgit Voß ]

In the title space Dorothea Heinrich’s black and white travelling photos are soberly marked by a number, the date and the place of origin. Eschewing any kind of need for journalistic information, no other advice is given to the viewer other than that the moment has been chronicled by the artist. She can do without the objectifying utilization of photographic technology, instead relying on the given lighting conditions as well as on the strength of her subjects. The viewer may find his or her own longing for harmony visualized in daydream landscapes, whereas the interiors and architectures appear like empty scenery. In bare hotel room surroundings Heinrich in her self-portraits sets the in-between feeling of being in a strange place against an unquestionable, self-assured „I am here“. Calculatingly open without ever revealing herself, Heinrich shows that travelling means more than merely changing places.
[ Birgit Voß ]



"the rough and the smooth", Städtische Galerie Villingen-Schwenningen, 2002


Schenkt man den Fotos Dorothea Heinrichs Glauben, so findet das „wahre“ Leben in den Subkulturen statt - vornehmlich in den Parallelwelten hybrider Männergesellschaften. Seit Jahren mischt sie sich mit ihrer Kamera in die „Subs“ der Sportler, Rocker oder Motorradfreaks ein. Ein zentrales Thema ihrer Arbeit ist der Mann als Idol und Held. Geduldig lauert sie mit dem Objektiv den Moment auf, wenn sich eine gewisse Vertrautheit zwischen Fotografin und Modell einstellt und die Posen von den Portraitierten abfallen. Ihre Fotos entlarven codierte Rituale und Imponiergehabe. Zum Vorschein kommen existentielle Gesten der Scham, Ängstlichkeit oder Unsicherheit. Die vielfach gezielt eingesetzte Unschärfe der Bilder entrückt die Protagonisten zusätzlich und stimmt die Portraits melancholisch ein. Was bleibt ist die uneingelöste Sehnsucht nach dem Anderssein.
[ Dr. Michael Hering ]



"borderline portraits", Galerie Brigitte Schenk Köln, 2006, Photo: Frank Wurzer


If one believes the photos of Dorothea Heinrich, then “real“ life takes place in the subcultures – in particular among the parallel worlds of hybrid menfolk. For years she has been exploring the subcultures of sportsmen, rockers or motorcycle freaks. A central theme of her work is man as an idol and hero. Patiently she lurks behind her lens wating for the moment when a certain familiarity between photographer and model is reached and the poses fall away to reveal the portrayed. Her photographs unmask codified rituals and showing-off, revealing existential gestures of shame, anxiety or uncertainty. The in many cases purposeful blur of the photographs additionally alienates the protagonists, thereby evoking a mood of melancholy and leaving behind the unredeemed longing for otherness.
[ Dr. Michael Hering ]